„Das ist Moral!“, rief Hagenbergs Neutrainer Oliver Gräbel kurz nach dem Abpfiff des Spiels seines Kreisliga-Teams auf dem Groner Sportplatz gegen den Bezirksligisten Sparta Göttingen aus. Soeben hatte sein Stürmer Alexander Stehl, der auch einmal für den Gegner kickte, in Unterzahl den Ausgleich zum 2:2 in allerletzter Sekunde erzielt. Vorher hatten beide Seiten und auch Schiedsrichter Andrew Milczewski, besonders in der zweiten Halbzeit, Fußball mit allem, was der Zuschauer sehen will, geboten: Kampf, Tempo, Torchancen, leidenschaftliche Zweikämpfe mit und ohne Ball sowie Entscheidungen, die lange nach Schlusspfiff noch heiß diskutiert wurden.

In der ersten Halbzeit war die Partie trotz hohem Tempos ausgeglichen. Sparta versuchte, den Gegner früh zu stören. Mittlerweile besitzt das Hagenberger Team aber die Qualität, sich aus einer Umklammerung auch spielerisch zu befreien. Hier brilliert vor allem der von seinen Mitspielern ob seines für Hagenberger Verhältnisse hohen Alters „Opa“ gerufenen Özgür Bilge, der das Spiel der Gräbel-Elf entspannt und oft überraschend aufbaut. Aber auch Sparta konnte sich Chancen erarbeiten. In der 20. Minute schoss Sparta-Rückkehrer Enrico Weiß einen Ball denkbar knapp über das Tor der Hagenberger. Dann hatte aber GW die besseren Chancen. Lami Kosova, vom Spielfeldrand angefeuerte von einer größeren Gruppe weiblicher Anhänger, verzog mit einem Drehschuss nur knapp (30.). Dann zeigte Grzegorz Podolczak seine Gefährlichkeit. In der 35., 40. und 44. Minute stand er kurz vor dem Torjubel, doch entweder hielt Spartas neuer Fänger Florian Borrs an alter Wirkungsstätte oder seine Schüsse verfehlten den Sparta-Kasten nur knapp. Torlos ging es in die Kabine.

Nach Wiederanpfiff sollten die noch etwa 90 verbliebenen Zuschauer eine denkwürdige Partie erleben. Zuerst wurde Grzegorz Podolczak vom zur Pause eingewechselten Sparta-Schlussmann Vitali Kellert im Strafraum gefoult. Die Strafe, Elfmeter und Gelbe Karte, entsprach nach Aussagen von Schiedsrichtern unter den Zuschauern nicht den Regeln – die Rote Karte hätte folgen müssen. „Opa“ Özgür Bilge verwandelte souverän zum 1:0 für den Kreisligisten (50.). Jetzt wurden die Emotionen freigesetzt. In der 55. Minute gerieten der Hagenberger Alessandro Majer und der Sparta-Torjäger Erson Saciri aneinander. Zuschauer und die komplette Hagenberger Ersatzbank wollen eine klare Tätlichkeit des Sparta-Spielers gesehen haben. Schiedsrichter Milczewski sah derlei nicht oder bewertete die Situation anders. Für beide Spieler gab es Gelb. Um den sichtlich irritierten Alessandro Majer vor der eigenen Leidenschaft ob der offensichtlichen Falschbehandlung zu schützen, wollte Trainer Oliver Gräbel seinen Spieler auswechseln. Auf dem Weg zur Bank konnte sich Majer nach eigenen Aussagen die Worte „Klasse Leistung, Schiri!“, nicht verkneifen. Noch auf dem Platz erhielt er daraufhin die Gelb-Rote Karte. „Hier wurde mit zweierlei Maß entschieden. Regelkomforme Rote Karten wurden nicht gegeben, bei einem leicht ironischen Spruch der Spieler aber des Feldes verwiesen.“, äußerte ein Hagenberger Verantwortlicher, der aber namentlich nicht genannt werden möchte. Somit musste Hagenberg in den letzten 35 Minuten der Partie in Unterzahl spielen. Gräbel stellte um, zog Podolczak auf die defensive Mittelfeld-Position. Das nun aufgebaute Abwehrbollwerk hielt gut. Es gehört zum Drehbuch dieser außergewöhnlichen Partie, dass ausgerechnet ein Hagenberger den Ausgleich für Sparta erzielte. Enrico Weiß flankte von halbrechts. Der eingewechselte Hagenberger Verteidiger Sven Wolf lief in die Flanke und köpfte den Ball im Stile eines großen Stürmers mustergültig in den Winkel des Tores seines eigenen Schlussmanns Eike Will. Ein Tor wie aus heiterem Himmel, da es Sparta bis dahin nicht verstanden hatte, die Überzahl so zu nutzen, dass der Vorsprung der Hagenberger in Gefahr war. Nun aber war die Situation gekippt. Hagenberg war sichtlich deprimiert, Sparta schöpfte neuen Mut, durch einen Sieg das Ticket zum Einzug in das Viertelfinale vorzeitig zu lösen. In der 80. Minute wurde das abnorme Drehbuch dieser Partie fortgeschrieben. Ausgerechnet Rosch Manssoor, gerade erst vom Gegner zu Sparta gewechselt, erzielte die Führung für seinen neuen Verein, als sein Schuss aus 16 Metern aus dem Gewühl heraus unter Torwart Will zum 1:2 einschlug. Die Partie schien gedreht, Hagenberg in Unterzahl und Rückstand geschlagen. Doch jetzt offenbarte sich das, was Gräbel mit seinem eingangs erwähnten Ausruf meinte. Der Kreisligist wehrte sich, lautstark angefeuert von seinem Coach. Und dann nahm sich in der buchstäblich letzten Minute Hagenbergs neuer Kapitän (sein Vorgänger war übrigens Spartas Torschütze Manssoor) Marian Baciulis den Ball und schoss auf das Sparta-Tor. Seinen flachen Ball konnte Kellert nur zur Seite abwehren, wo der eingewechselte Alexander Stehl den Ball aus vollem Lauf zum Ausgleich in die Maschen des Sparta-Tores drosch. Der Jubel über den Ausgleich war entsprechend groß im Hagenberger Lager. Und dann folgte der Ausruf von Trainer Oliver Gräbel, der richtungsweisend für eine ganze Saison sein könnte.

Nach der Partie ist in der „SPUTNIKs Sportshop Gruppe“ die Entscheidung auf den letzten Spieltag am Freitag vertag.

[link url=http://goekick.com/spiel.page?id=170691 text=Die Statistik der Partie Sparta gegen Hagenberg.]

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