04.12.2018

Göttinger Trainer bildet Äthiopier aus

Der Sportstudent Phillip Portwich arbeitete für zwei Wochen als Ausbilder für Fußballtrainer in Afrika

V.li: Phillipp Portwich, Abebe Abera, Mitarbeiter des äthiopischen Sportministeriums und Joachim Fickert auf dem Platz

„Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was erzählen“, hat Matthias Claudius schon 1774 gedichtet. Inzwischen ist dieser Vers bereits als Sprichwort anerkannt. Von einem ganz besonderen Trip kann seit einigen Tagen der Göttinger Trainer Phillip Portwich berichten. Der A-Lizenz-Inhaber hatte im November die anspruchsvolle Aufgabe, für zwei Wochen Fußballtrainer in Äthiopien auszubilden. Nach seiner Rückkehr gab der ehemalige Nachwuchskoordinator des 1. SC Göttingen 05 und zuletzt als Trainer der Frauen-Mannschaft von Sparta Göttingen tätige Sportstudent seine Eindrücke und Erfahrungen gegenüber der Gökick-Redaktion zum Besten.

Eigentlich hatte sich Phillip, der neben dem Studium bei der Freiwilligen-Agentur des Stadtsporbundes halbtags arbeitet, für ein Langzeitprojekt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Botswana beworben. Dies scheiterte aufgrund der fehlenden Auslandserfahrungen, dennoch hatte seine Bewerbung das Interesse der Personalverantwortlichen gefunden. Beispielsweise ist Phillip auch in die Trainerausbildung in unserer Region beim NFV eingebunden. Um ihn näher kennen zu lernen und seine Befähigung zu überprüfen, wurde er eingeladen, an einem Ausbildungsprojekt in Äthiopien teilzunehmen. Voller Freude und Spannung sagte Phillip zu und brach schließlich am 5. November in das Ostafrikanische Land auf.

Das erste Ziel seiner Reise war die Hauptstadt Adis Abeba. Hier hatte er einen Tag Zeit, sich zu akklimatisieren und seinen leitenden Trainerkollegen Joachim Fickert kennen zu lernen. Dieser ist ein sehr erfahrener Coach, der schon seit 30 Jahren als Experte in verschiedenen Funktionen in Afrika und Südostasien für den Fußball unterwegs ist – teilweise als Technischer Direktor des Landesverbandes oder als Auswahltrainer. Finanziert wurde die Reise über Olympic Solidarity, einer Institution des IOC zur Unterstützung von NOKs (Nationale Olympische Kommitees) und Kontinentalverbänden. Für Phillip, der aufgrund mehrerer Knieverletzungen die eigenen Karriere als Spieler frühzeitig beendete, kam natürlich nur sein Lieblingssport infrage. Beim Fußball arbeitet der DOSB logischerweise mit dem DFB zusammen.

Phillip im Kreis der Fußballer

Von Addis Abeba ging es dann weiter nach Shire, einer Stadt in der Tigray-Region im Norden Äthiopiens an der Grenze zu Eritrea. Dort startete der kleine Konvoi mit den beiden Trainern, einem Verbandsfunktionär und zwei Fahrern durch Steppe und Wüste etwa eine Autostunde zu dem Flüchtlingscamp. Sie fliehen aus Eritrea wegen der dort herrschenden Diktatur und den damit zusammenhängenden Repressalien. 40 Fußballer – je zur Hälfte aus Flüchtlingen und Indigenen - wollten sich dort mit Hilfe von Phillip zum Trainer ausbilden lassen. „Unsere Aufgabe war nicht nur die Ausbildung von Trainern, sondern hatte auch den sozialen Aspekt, Flüchtlinge und Locals zusammenzubringen.“, berichtet Phillip. „Ich war erstaunt wie gut das funktionierte. Es gab keinerlei Berührungsängste zwischen Flüchtlingen und einheimischen. Sport verbindet!“, spricht Stolz über das erfolgreiche Projekt aus ihm.

Anfangs gab es einige Probleme aufgrund der Übersetzungsschwierigkeiten. So mussten die englischen Anweisungen der Trainer erst auf Amaharisch für die Äthiopier und dann auf Tigrinya für die Flüchtlinge aus Eritrea übersetzt werden. Nach einer Umstellung und Feinjustierung der Organisation verlief der Lehrgang reibungslos. Und die Jungs im Alter zwischen 15 und 35 Jahren zeigten sich äußerst wissbegierig und lernwillig. Die Teilnehmer waren, so konnte Phillip konstatieren, begeistert. Er spürte sehr viel Dankbarkeit, auch zwischen den Übungen gab es Anerkennung. Je länger das Projekt lief, desto aufmerksamer wurden die Trainereleven auch im Theorieteil. „Sie haben das weniger als Schule wahrgenommen, sondern schnell erkannt, dass es ihnen nützt.“, so Phillip über den Unterricht. Morgens – bereits fünf Uhr verließen die Trainer täglich das Hotel – gab es die erste Trainingseinheit. Nach der anschließenden Pause wurde die tägliche Theoriestunde aufgrund der hohen Temperaturen im klimatisierten Unterrichtsraum abgehalten. Obwohl am Nachmittag noch Zeit für eine weitere Einheit gewesen wäre, fuhren die Trainer vor dem Einbruch der Dunkelheit zurück in ihr Hotel. „Die Überfallgefahr in Äthiopien ist dann sehr hoch. Menschen mit geschulterter Kalaschnikow gehören dort zum alltäglichen Stadtbild.“, erinnert er sich.

Die Bedingungen beim Lehrgang waren alles andere als hervorragend. Der Sportplatz war eine einzige Sandwüste, übersät mit faustgroßen Steinen sowie Löchern und Furchen. Mitten auf der Feld stand ein großer Betonmast. Immer wieder liefen Dromedars oder Kühe über den Platz, häufiger lenkte ein Fahrer seinen LKW unbeirrt über das Trainingsgelände. Nur wenige Teilnehmer besaßen Fußballschuhe, die Mehrzahl absolvierte die Übungseinheiten mit Sandalen oder Badelatschen. „Anfangs dachte ich, dass das Niveau der Spieler unterirdisch sei. Doch das trifft nur auf die taktische Ausbildung zu. Alle Spieler sind technisch richtig stark, eben alles typische Straßenfußballer. Der Untergrund war schuld an meiner anfänglichen Fehleinschätzung. Später habe ich dann ihre Fähigkeiten bewundert.", erzählt Phillip. Nach dem etwa zweiwöchigen Lehrgang erhielten die Teilnehmer, die mindestens 80 Prozent aller Einheiten absolviert hatten, ein vom DOSB und dem Sportministerium Äthiopiens ausgestelltes Zertifikat. Dieses entspricht von den Lehrinhalten einem Mix aus C- und B-Lizenz in Deutschland, wie Phillip einschätzt. Einer der Teilnehmer trainierte bereits eine Mannschaft im Flüchtlingslager, die regelmäßig gegen andere Teams antritt.

Für Phillip war die Arbeit als Ausbilder in Afrika eine starke Erfahrung. Anfangs hatte er den erfahrenen Joachim Fickert beobachtet und als Assistent unterstützt. Später übernahm er die Leitung der Einheiten selbständig. „Auch wenn ich das Äthiopische Essen nicht vertragen habe, war es doch ein tolles Erlebnis.“, schwärmt er. Außerdem war er begeistert von der herzlichen und netten Atmosphäre während der Trainingseinheiten. „Beim nächsten Lehrgang gehe ich allein auf Reisen.“, verrät Phillip über die Pläne des DOSB mit dem Göttinger. Wo das sein wird, steht aber noch nicht fest. 


Das Video vom Aufenthalt (noch mehr in der Videothek):




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